Der Geschäftsbericht als iPad-App.

Eine Analyse unter deutschsprachigen Börsenkonzernen.

Über mangelndes Interesse am neuen iPad muss sich Apple in diesen Tagen sicherlich keine Gedanken machen: nur vier Tage nach dem Verkaufsstart im März hat das Unternehmen nach eigenen Angaben bereits mehr als drei Millionen Geräte verkauft. Als ein klarer Treiber dieser Erfolgsgeschichte gelten Apps: Nach der jüngsten ARD/ZDF-Onlinestudie werden die mobilen Applikationen allein in Deutschland mittlerweile von fast einem Fünftel aller Onlinenutzer eingesetzt. Im App Store werden für iPad und iPhone inzwischen über 500.000 Mini-Programme angeboten.

Auch an der Geschäftsberichts-Branche ist der „App-Boom“ nicht spurlos vorbeigegangen: Immer mehr Unternehmen bieten seit einigen Jahren mobile Tablet-Versionen ihrer Finanzberichte an – und zwar fast ausschließlich für Apples iPad. Solche Geschäftsberichts-Apps sind vor allem deshalb attraktiv, weil sie die Vorteile klassischer Print-Berichte mit den Vorzügen digitaler Formate kombinieren: sie sind unterwegs bzw. offline verwendbar, können bequem transportiert werden und nutzen im Idealfall gleichzeitig das komplette Spektrum hypertextueller, interaktiver und multimedialer Möglichkeiten, die man auch von modernen Online-Geschäftsberichten kennt.

Aber was machen deutschsprachige Unternehmen aus diesen Potenzialen? In meiner Bachelorarbeit habe ich mich bei nexxar in den letzten Monaten mit genau dieser Frage befasst. Im Rahmen einer Studie habe ich den Einsatz von GB-Apps in den 150 größten börsennotierten Konzernen in Deutschland, Österreich und der Schweiz (DAX30, MDAX, TecDAX, ATX, SMI) erstmals empirisch untersucht. Einige zentrale Ergebnisse werden nun vorab in diesemBlog vorgestellt.

Geschäftsberichts-Apps in börsennotieren Unternehmen

Über ein zweistufiges Suchverfahren wurden zunächst diejenigen Unternehmen identifiziert, die eine iPad-Version ihres Geschäftsberichts als App anbieten. Wie Abbildung 1 zeigt, veröffentlichen demnach immerhin zwölf Prozent (18 Unternehmen) der 150 analysierten Konzerne bereits eine solche Version. Bedenkt man, dass die ersten GB-Apps erst vor wenigen Jahren aufkamen, dann ist dieser Anteil durchaus bemerkenswert. Interessant erweist sich vor allem auch ein Blick auf die Verteilung der Apps nach Indizes: Zwar werden GB-Apps in absoluten Zahlen am häufigsten im DAX30 eingesetzt (7 Apps; 23%), relativ gesehen sticht allerdings vor allem der Schweizer Leitindex (SMI) heraus: Fast ein Drittel der 20 SMI-Konzerne (6 Unternehmen; 30%) veröffentlicht mittlerweile neben Print- und Online- auch eine iPad-Version ihrer Geschäftsberichte. In den restlichen analysierten Indizes (ATX, MDAX, TecDAX) waren entsprechende Versionen hingegen die klare Ausnahme.

Einsatz von Geschäftsberichts-Apps für das iPad


Basis: alle untersuchten Unternehmen (n=150)

Unternehmen mit Online-Geschäftsbericht sind tendenziell „innovationsfreudiger“

Welche Typen von Unternehmen wagen sich nun am ehesten an das neue Medienformat? Nach Branchen konnte die Untersuchung hier keinerlei Unterschiede feststellen. Was allerdings auffällt: Diejenigen Unternehmen, die neben dem klassischen Print-Bericht bereits eine Online-Version ihres Geschäftsberichts publizieren, waren tendenziell „innovationsfreudiger“: Immerhin 15 der 18 Unternehmen, die eine GB-App veröffentlichen, verfügen gleichzeitig über einen (größtenteils HTML-basierten) Online-Geschäftsbericht.

Oft mehr als „nur“ ein Geschäftsbericht

Nicht immer handelt es sich bei den analysierten Apps übrigens um „reine“ GB-Apps. In den meisten Fällen (11 Apps; 61%) ist der Geschäftsbericht Teil einer sogenannten „Bundle-App“: Das heißt, neben dem Finanzbericht sind in der App beispielsweise auch Präsentationen, IR-News und andere Unternehmenspublikationen enthalten.


Basis: alle Unternehmen, die über eine GB-App verfügen (n=18)

HTML-basierte Apps bieten viele Vorteile, werden aber kaum eingesetzt

Grundsätzlich können bei bestehenden GB-Apps heute zwei Formate unterschieden werden: PDF- und HTML-basierte Applikationen. Während es sich bei ersteren in der Regel um eine 1:1 Kopie der PDF-Version des gedruckten Geschäftsberichts handelt, bauen letztere auf einem bereits vollständig in HTML umgesetzten Online-Report auf.

Das Verhältnis zwischen HTML- und PDF-Apps ist im deutschsprachigen Raum heute noch klar verteilt: lediglich zwei der 18 analysierten GB-Apps basieren aktuell auf dem Hypertext-Format (siehe Abbildung 3). Und das, obwohl HTML-basierte GB-Apps gegenüber ihren PDF-Pendants klare Vorteile besitzen: Während nämlich Hypertextualität, Interaktivität und Non-Linearität im HTML schon per se gegeben sind, müssen sie im PDF nachträglich hinzugefügt werden. PDF-basierte Apps benötigen in der Regel mehr Speicherkapazität und verfügen oft über keine ausreichende Zoom-Funktion für Texte und Bilder. Auch die Einbettung von Links, Videos oder JavaScript-Animationen ist bei der Entwicklung dieser Apps mit deutlich mehr Aufwand verbunden.

Die schwere Handhabbarkeit von PDF-basierten Apps ist auch ein Grund dafür, weshalb die medienspezifischen Möglichkeiten von GB-Apps für das iPad insgesamt nur selten völlig ausgeschöpft werden: dynamische Charts, Videoelemente, und JavaScript-Animationen stellen beispielsweise noch eher eine Ausnahme, als die Regel dar. Die aus PDF-Dateien generierten „Flip-through-Lösungen“ müssen zudem deutliche Abstriche in puncto Usability machen.


Basis: alle Unternehmen, die über eine GB-App verfügen (n=18)

Noch viel Potenzial

Werden diese Defizite angegangen, dann kann sich der elektronische Geschäftsbericht „to go“ allerdings zu einer ernstzunehmenden Ergänzung zu klassischen Print- und Online-Formaten entwickeln und dabei die eingangs beschriebenen Mehrwerte praktisch ausspielen. Neuere Webtechnologien wie HTML5 bieten hierzu eine Reihe von Möglichkeiten. Aus Entwicklerperspektive müssen die Apps dabei in Zukunft noch flexibler werden: Auch wenn das iPad die Marktführerschaft noch fest im Griff hat, wird die Kompatibilität für andere Tablets (z.B. auf Android-Basis) immer wichtiger. Unternehmen und App-Programmierern steht in nächster Zeit jedenfalls vor allem eines bevor: viel Arbeit.

Text: Goran Janosevic

Mehr zu diesem Thema in unserem lab:

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  1. […] My advice is to deliver an offline-usable app for the iPad and a mobile-optimised website for other tablets and smartphones. For the rest of this blog, I would like to focus on smartphone-optimised reporting. If you are interested in reading more about our thoughts on tablet (iPad) reporting apps, please refer to a recent blog post (in German) from my colleague Goran. […]

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