Das System Geschäftsbericht.

Ein Interview mit Prof. Gisela Grosse

Prof. Giesela Grosse - Foto: Markus Korth

Mit der Studie System Geschäftsbericht – Intermedialität hat das Corporate Communication Institute (CCI) der Fachhochschule Münster 2014 ein umfassendes Bild der Publikationslandschaft deutscher Geschäftsberichte vorgelegt.* Die Ergebnisse geben Aufschluss über die Verbreitung und Akzeptanz verschiedener Berichtsformate und zeigen wichtige Zukunftstrends im Reporting. Wir haben mit Herausgeberin Prof. Gisela Grosse über den aktuellen Stellenwert und die künftige Entwicklung von Online-Geschäftsberichten gesprochen.

Interview

Frau Prof. Grosse, in Ihrer Studie haben Sie die Bedeutung verschiedener medialer Formen von Geschäftsberichten erfasst. Welche Rolle spielt der HTML-Bericht aktuell verglichen mit den klassischen Publikationsformaten (Print & PDF)?

Grosse: Aktuell veröffentlichen rund 57% der befragten Unternehmen einen HTML-Geschäftsbericht während es bei der gedruckten Version 97% sind. Zum absoluten Shooting Star avanciert allerdings das Online-PDF.

Mit einer Veröffentlichungsquote von 100 Prozent ist das Online-PDF aktuell am weitesten verbreitet. Worin sehen Sie die Gründe für die hohe Beliebtheit des PDFs?

Grosse: Da rund 86 % der Unternehmen angeben, dass es zwischen dem Printbericht und dem Online-PDF keine Unterschiede gäbe, könnte es zum Einen daran liegen, dass es mit wenig Aufwand verbunden ist ein PDF des Printberichts online zu stellen. Zum Anderen könnte es aber auch daran liegen, dass die gedruckte Version des Geschäftsberichts und damit auch das Online-PDF, einer seit vielen Jahren bekannten und geübten Struktur und praktischen Bedienbarkeit folgt, während HTML-Berichte sehr unterschiedliche Navigationsstrukturen aufweisen.

Wie schätzen Unternehmen die künftige Bedeutung von HTML-Berichten ein?

Grosse: Auf einer Skala von 1 (steigend) bis 5 (sinkend) mit einem Wert von 2,5 zwischen gleichbleibend und steigend. Allerdings gehen die Einschätzungen hier weit auseinander. Während einige Unternehmen erst seit kurzem einen HTML-Bericht veröffentlichen, haben rund 15% der Unternehmen diesen wieder eingestellt.

Wo sehen die Berichtsverantwortlichen die Vorteile von Online-Berichten?

Grosse: Vor allem in den Möglichkeiten weiterführende Informationen anzubieten, z.B. auf der Unternehmenshomepage oder in weiteren Finanzpublikationen. 66% der Unternehmen geben an interaktive Funktionen zu nutzen, wie beispielsweise einen Download-Manager, Kennzahlenvergleiche oder eine Themensuche. Über die Hälfte der Unternehmen bietet Partizipationsmöglichkeiten an, vor allem eine Kontaktmöglichkeit, sehr viel seltener eine Feedback-Möglichkeit. Haupttreiber für die Onlineberichterstattung sind allerdings reputative Gründe.

… und wo die Nachteile?

Grosse: Wenn überhaupt, dann werden Nachteile vereinzelt in der ungünstigen Kosten-Nutzen-Relation bezogen auf Investoren, Analysten und Finanzjournalisten gesehen.

Gemessen an der Auflagenhöhe zeigt Ihre Studie einen Nachfragerückgang bei gedruckten Berichten. Wie steht es um die Nutzung von HTML-Geschäftsberichten?

Grosse: Von einem Nachfragerückgang würde ich nicht sprechen. Zwar sind die Auflagenzahlen des gedruckten Geschäftsberichts seit Publizierung einer digitalen Version zurückgegangen, hier scheint aber – zumindest aktuell – der Schrumpfungsprozess auch beendet. Problematischer stellt sich das Wissen um das Nutzungsverhalten des HTML-Berichts dar. Nur ein Viertel der Unternehmen erhebt Download- und Zugriffszahlen systematisch um diese dann auch für eine Weiterentwicklung ihres Online-Angebotes zu nutzen!

Sie haben sich in den vergangenen Monaten intensiv mit den Online-Geschäftsberichten deutscher Unternehmen befasst. In welchen Punkten haben HTML-Berichte aus Ihrer Sicht noch Nachholbedarf?

Grosse: Eindeutig in der Multimedialität und in eigenständigen internetspezifischen Darstellungsformen. Die Verdeutlichung der Equity Story sowie die Darstellung von Prozessen und komplexen Inhalten über Film und Animation steckt noch in den Kinderschuhen. Vernetzung, Interaktivität und Partizipationsmöglichkeiten werden noch zu wenig genutzt. Die digitalen Formate des Geschäftsberichts werden sich von der reinen Adaption des Printberichts lösen müssen. Das stellt auch neue Anforderungen an die Konzeption, Gestaltung und Programmierung der HTML-Berichte.

Zur Studie

* Basis der Studienergebnisse ist eine zwischen April und Mai 2014 durchgeführte Online-Befragung. Insgesamt beteiligten sich 71 von 160 Unternehmen aus DAX, MDAX, SDAX und TecDAX (Rücklaufquote: 44,4%). Die komplette Studie ist als Buch erschienen und kann über Amazon bestellt werden.

Interview: Eloy Barrantes

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